Mit dem Fahrrad in Tadschikistan – Die Wildnis des Pamirs

Heute ist der 15. August 2017 und wir befinden uns mit unseren Fahrrädern im Osten von Tadschikistan, nahe der Grenze zu China. Gestern waren wir in der Stadt Murgab und haben dort unsere Vorräte an Lebensmitteln und Benzin für unseren Campingkocher aufgefüllt. Von hier aus haben wir den Pamir Highway verlassen und sind in Richtung Osten weitergefahren.

Vor uns liegen noch zwei kleine Dörfer, dann geht es für mehrere Tage in die menschenleere Wildnis des Pamir Gebirges.

Entlang der chinesischen Grenze

Die Straße auf der wir unterwegs sind, war die ersten Kilometer hinter Murgab noch asphaltiert. Mittlerweile fahren wir mit unseren Rädern aber auf schlechten Schotterpisten weiter Richtung Osten, bis wir ganz nah an die Grenze zu China kommen. Wir befinden uns in einer Hochebene und um uns herum erheben sich die unzähligen 6000er des Pamir Gebirges. Aber im Moment ist unser Weg flach und wir haben einen leichten Rückenwind, der uns etwas hilft über die staubigen Straßen zu fahren. Gleichnamig der Stadt fahren wir an dem Fluss Murgab entlang, der ganz im Südosten des Landes, im Dreiländereck China-Afghanistan-Tadschikistan entspringt. Wir werden dem Flusslauf nun genau dorthin folgen, bis wir in dem Dorf Shaymak ankommen und von dort aus Richtung Westen entlang der afghanischen Grenze weiterfahren werden.


Aber bis dahin sind es noch etwa 70km auf schlechten Schotterpisten, so dass wir vermutlich erst morgen oder übermorgen dort ankommen werden. Es kommen uns kaum Autos entgegen und wir merken, dass wir hier schon ziemlich in der Wildnis des Pamirs sind, aber genauso wissen wir auch, dass wir in ein paar Tagen in noch deutlich abgelegeneren Gegenden unterwegs sein werden. Also freuen wir uns noch über die paar Autos und LKW die uns entgegenkommen und winken den Einheimischen fleißig zu, die uns ebenso freundlich zurück grüßen. Die Aussichten entlang des Flusses sind wirklich wundervoll und abends finden wir einen super Campingspot direkt am Ufer, auf einer schönen Graswiese.


Mit unseren schweren Fahrrädern über die Schotterpisten des Pamirs zu fahren ist wirklich anstrengend und wir schaffen deutlich weniger Kilometer als auf normalen Straßen. Trotzdem sind wir glücklich, denn diese einsamen Straßen sind genau das was wir hier gesucht und erwartet haben! Gegen Mittag kommen wir in Tokhtamish, dem vorletzten Dorf vor der Wildnis an. Wir werden neugierig von den Menschen angeschaut, aber alle sind hilfsbereit und zeigen uns den Weg zur Wasserquelle und zu einem kleinen Laden am Rande des Dorfes. An der modernen Pumpe füllen wir unsere Flaschen auf und staunen nicht schlecht. Ein kleines Schild an der Pumpe verrät uns „Mit Stolz von der Coca-Cola Company gestiftet“. Wir wissen ehrlich gesagt nicht so recht was wir davon halten sollen. In dem Laden finden wir noch ein paar kleine Snacks, aber unsere Grundversorgung haben wir gestern in Murgab eingekauft. Nachdem wir alles erledigt haben setzen wir uns wieder auf die Fahrräder und fahren weiter Richtung Süden.

Der Checkpoint in Shaymak

Kurze Zeit später kommt uns ein Spanier auf dem Fahrrad entgegen. Er ist genau die gleiche Strecke gefahren, die wir nun auch vor uns haben und er schwärmt von der Einsamkeit, den unglaublichen Landschaften und von der Stille. Wir fragen ihn nach dem Militär-Checkpoint, der sich hinter Shaymak, dem nächsten Dorf befindet. Im Internet haben wir von unterschiedlichen Erfahrungen gelesen und wir sind uns nicht sicher ob der Posten für uns passierbar ist.

Er konnte den Checkpoint überqueren, erzählt er uns. „Aber wenn ihr von dieser Seite kommt, wird es vermutlich nicht möglich sein. Eigentlich dürfen Ausländer dort nicht hin, aber ich bin ja von der anderen Seite gekommen und dort gibt es keine Kontrollen! Die hatten hier jetzt einfach keine Wahl! Sie mussten mich durchlassen, sonst hätte ich zurück in die Wildnis gemusst!“ Aber vielleicht habt ihr ja Glück, fügt er noch hinzu.

Etwas unsicher fahren wir danach weiter, aber wir wollen es auf jeden Fall ausprobieren den Checkpoint zu passieren. Alternativen können wir uns später überlegen!


Abends schaffen wir es nicht ganz bis Shaymak und so schlagen wir unser Zelt etwa 5km vorher auf. Am nächsten Tag durchqueren wir dann das Dorf und fahren weiter Richtung Süden bis zum Checkpoint. Dort wird mit Hilfe der Chinesen gerade ein neuer, großer Militärstützpunkt gebaut und es herrscht reges Treiben. Wir fahren bis an die Schranke und zeigen dem Soldaten unsere Ausweise. Sofort sagt er uns, dass wir hier nicht durchfahren können und als wir anfangen zu diskutieren, holt er seinen Vorgesetzten. Fast eine Stunde sprechen wir mit ihm auf Russisch, erklären unsere Situation, zeigen ihm Landkarten und erzählen vom Spanier, der ja gestern auch hier durchgefahren ist. Keine Chance – Wir kommen hier nicht weiter!


Nachdem wir ein paar Kilometer zurückgefahren sind, machen wir kurz vor Shaymak Mittagspause und überlegen uns Alternativen. Wir haben ein paar alte russische Militärkarten dabei und dort sehen wir, dass es noch einen anderen Weg in die von uns so ersehnte Wildnis gibt! Wir müssen zurück nach Tokhtamish fahren und von dort geht ein kleiner Weg durch die Berge Richtung Westen in das Dorf Chestebe. Dann können wir Richtung Süden durch ein Tal fahren und kommen im Endeffekt etwa 5km hinter dem Checkpoint wieder auf die Straße, die wir eigentlich jetzt nehmen wollten!


Dann haben wir nur noch das Problem, dass die Straße zwischen Tokhtamish und Shaymak echt schlecht war und wir eigentlich keine Lust haben sie nochmal zu fahren. Also fragen wir in Shaymak ein paar Leute ob jemand uns und unsere Fahrräder nach Tokhtamish fahren kann. Für 20$ erklärt sich einer der Bewohner bereit dazu. Die Räder befestigen wir mit vielen Seilen auf dem Dach und dann geht’s los! Es ist ordentlich wackelig, aber schlussendlich kommen wir gut an. Das denkwürdigste war vermutlich der Stopp auf halber Strecke, während dem unser Fahrer einen großen Schluck Wodka getrunken hat. Dazu die Worte ob wir denn nicht trinken, da es doch so kalt sei!

Die Wildnis des Pamirs

In Tokhtamish bleiben wir über Nacht in einem netten Homestay, für das wir 10$ bezahlen. Es wird extra für uns eine Glühbirne mit Autobatterien angeschlossen und wir bekommen heißes Wasser, um uns in einer kleinen Abstellkammer waschen zu können – Wirklich unglaublich unter welch einfachen Umständen die Menschen hier leben.


Durch ein schmales Tal geht es am nächsten Morgen dann Richtung Westen nach Chestebe. Der Weg wird schlechter und schlechter und irgendwann sind wir uns ziemlich sicher, dass hier lange kein Auto mehr gefahren ist. Aber wir überqueren die Berge und sind dann in einem langen Tal, an dessen Anfang das Dorf Chestebe liegt.


Bei einem der paar Häuser in dem Dorf kaufen wir uns noch ein trockenes, altes Brot, welches nicht wirklich gut schmeckt, wir aber dennoch sofort zur Hälfte aufessen. Direkt nach dem Dorf ist ein etwa 10 Meter breiter, reißender Fluss. Der einzige Weg führt über eine wackelige Fußgängerbrücke und es dauert fast eine Stunde bis wir unsere ganze Ausrüstung rüber getragen haben. Aber dann liegt die Wildnis des Pamirs vor uns.


Wir fahren jetzt für gut zwei Tage durch die Natur und sehen bis auf die feinen Linien der selten genutzten Wege, keine Anzeichen menschlichen Einflusses. Eine tolle Erfahrung und wir sind von den Landschaften die sich uns hier zeigen extrem überwältigt. Weite Berglandschaften mit weißen Gipfeln in der Ferne, glasklare Bäche an denen wir unser Wasser auffüllen und die ruhigsten Campingplätze unserer gesamten Reise. Wir navigieren größtenteils mit unseren Telefonen mit der App Maps.Me und nur manchmal kontrollieren wir mit den russischen Militärkarten. Ansonsten lässt es sich auch ganz gut anhand der Berge navigieren, da der Weg meistens durch Täler geht und somit links und rechts immer Berge sind. Nach zwei Tagen Wildnis kommen wir dann in den Dorf Jarty Gumbez an.

Jarty Gumbez – Eine Oase

Jarty Gumbez hat geschätzt um die 30 Einwohner. Es gibt wirklich nur ein paar Hütten und gerade wird ein neues Haus gebaut. Einen Laden gibt es zwar nicht, aber dafür können wir bei einem Privathaus wieder ein paar trockene, alte Brote kaufen. Tja, besser als nichts!

Jarty Gumbez lag schon lange auf unserer geplanten Route, denn eine Besonderheit gibt es in diesem Ort eben doch! In der Mitte des Dorfes gibt es eine heiße Quelle, aus der das Wasser mit etwa 70°C heraussprudelt. Neben einem großen Becken, in dem die Bewohner ihre Wäsche waschen, gibt es auch ein kleines Badehaus. Wir können unseren Augen wirklich nicht trauen was wir dort vorfinden. Es ist ein gemauertes Haus mit zwei Räumen, die jeweils etwa 5x5m groß sind. Im Boden eingelassen ist je ein großer Pool der etwa 1,5m tief ist. Von innen kann man die Tür zuschließen und so haben wir einen der Räume ganz für uns allein. Wir ziehen uns aus und legen uns in das etwa 40°C heiße Wasser – Ein Traum! Unsere Muskeln und Gelenke sind von den Strapazen der letzten Tage wirklich erschöpft und dieses Bad ist einfach genau das, was wir nun brauchen. Eine gute Stunde weichen wir uns ein, dann fahren wir schweren Herzens doch wieder weiter. Jarty Gumbez wird uns definitiv für immer in Erinnerung bleiben, allein der Name ist doch schon extrem cool, oder?


Ein paar Kilometer hinter dem Dorf schlagen wir unser Nachtlager auf. Die Sonne geht unter und wir genießen den unglaublichen Ausblick auf die nahen Berge Afghanistans. Wieder sind wir in der einsamen Wildnis.

Morgen geht es weiter entlang der afghanischen Grenze bis zum Zorkul Nationalpark und von dort in das bekannte Wakhan Tal. Davon berichten wir dann aber im nächsten Blogartikel!

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5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Phänomenale Bilder die Ihr uns hier zeigt.
    Und was für ein Kontrast! Diese Menschenleere Gegend gegen das Gewimmel in einigen Teilen von Indien.
    Ich wünsche Euch weiter alles Gute! Bleibt gesund und habt weiter so spannende Erlebnisse!
    Christoph

  2. Wow, ihr zwei seid auch rhetorisch echt “on a roll” 😉
    Immer wieder denke ich nach einem Beitrag, dass das jetzt mein absolut liebster war – bis wieder einer kommt. Aber diese bleibt es wohl eine Weile.
    Unglaublich eindrücklich sowohl Beschreibung als auch Bilder. Diese Strecken “ab vom Schuss” sind irgendwie doch die schönsten.
    Pedal- und Speichenbruch und sonst noch was!

  3. Tolle Beiträge. Eine solche Reise wäre auch mal ein Traum von mir. Muss aber wohl noch etwas warten. Dafür geht es bei mir dieses Jahr in ein Bikehotel, da freue ich mich auch schon drauf! LG

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