Mit dem Fahrrad in Tadschikistan – Der Pamir Highway

Pamir Fahrrad

Wir befinden uns mit unseren Fahrrädern irgendwo in dem 20km langen Niemandsland zwischen Kirgistan und Tadschikistan auf dem Pamir Highway. Der Pamir Highway ist ein Teilstück der Fernstraße M41 und verbindet die kirgisische Stadt Osch mit Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan.


Heute ist der 11.08.2017 und die letzte Nacht haben wir kurz hinter dem kirgisischen Grenzposten gezeltet. Die Grenze zu Tadschikistan liegt auf dem über 4200m hohem Kyzyl-Art Pass, zu dem wir nun fahren wollen. Es geht ziemlich steil bergauf und auf der Schotterpiste kommen wir nur langsam voran. Omre und Stephan aus Tschechien überholen uns auf ihren deutlich leichteren Fahrrädern. Gestern Nacht haben wir zufällig mit den beiden zusammen gezeltet, aber jetzt trennen sich unsere Wege schon wieder. Wir wünschen ihnen eine gute Reise und machen erstmal eine kleine Verstärkungspause mit den Resten unseres gestrigen Abendessens.

Die Höhenkrankheit?

Olga geht es nicht so gut und auch Michel spürt die körperliche Belastung aufgrund der Höhe. Langsam schieben und fahren wir mit unseren Rädern weiter. Nach ein paar Stunden sind es noch 3km bis zum Pass und Olga muss sich übergeben. Erschöpft machen wir eine Pause und überlegen was zu tun ist. Normalerweise sollte man bei Anzeichen der Höhenkrankheit so weit bergab kommen wie nur möglich. Aber wir sind uns nicht sicher ob es wirklich die Höhe ist, denn in Kirgistan waren wir schon auf ähnlichen Höhen unterwegs und mit dem Fahrrad hat man eigentlich eine langsame und stetige Akklimatisierung. Als es Olga nach einer 5-minütige Pause sofort deutlich besser geht, entscheiden wir uns weiterzufahren. Es sind noch 200 Höhenmeter bis zum Pass und langsam schieben wir die Räder bergauf.


Irgendwann kommen wir am Kyzyl-Art Pass an und erreichen somit offiziell Tadschikistan. Hinter dem Pass geht es leicht bergab und dann kommen wir am Grenzübergang an. Ein paar alte Baracken und eine Schranke bilden das trostlose Bild dieses Postens. Wir werden freundlich von einem Soldaten empfangen und in eines der verfallenen Häuser gebeten. Dort werden unsere Pässe kontrolliert und alle unsere Daten in ein riesiges Buch mit unzähligen Tabellen eingetragen.
Für Michel haben wir das Visum Online beantragt und hatten es nach einem Tag im Email-Postfach. Olga reist mit ihrem russischen Pass ein und braucht daher kein Visum. Da sich der Grenzbeamte aber nicht so sicher ist, fragt er wegen Olgas Pass seinen Kollegen, der sich im Nachbarzimmer befindet. Zunächst kommt keine Antwort, dann kommt der zweite Grenzbeamte jedoch in unseren Raum. Etwas verschlafen und in seinen Unterhosen steht er vor uns und schaut fragend seinen Kollegen an warum er ihn denn aufwecke.
Irgendwann ist aber alles geklärt, so dass wir weiterfahren und die Jungs weiterschlafen können. Win-Win!

Willkommen im Pamir Gebirge!

Schnell machen wir uns wieder auf den Weg, um so viele Höhenmeter wie möglich bergab zu fahren. Es geht uns beiden wieder deutlich besser und wir können die epischen Aussichten voll und ganz genießen. Nach etwa 10 Kilometern Schotterpiste befinden wir uns auf ungefähr 3900 Höhenmetern und errichten dort unser erstes Nachtlager in Tadschikistan. Von unserem Zeltplatz schauen wir uns um und genießen die beeindruckende Aussicht. Etwa 200 Meter entfernt von uns verläuft einsam der Pamir Highway durch die weite Berglandschaft. Niemand sonst ist hier, nur wir mit unseren Fahrrädern – Alleine auf dem Pamir, dem Dach der Welt!


Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen zusammen und schieben unsere Räder zurück zur Straße. Wir sind weiterhin absolut fasziniert von den Ausblicken auf die Berge. Links neben uns taucht irgendwann ein Grenzzaun auf und ein kurzer Blick auf die Karte bestätigt unsere Vermutung – Die Grenze zu China! „Wow, wir sind mit unseren Fahrrädern schon so weit gefahren, wir sind an der chinesischen Grenze!“, stellen wir, beeindruckt von uns selbst, fest. Als wir einen Blick nach Hinten werfen, sehen wir die Gebirgskette, welche die Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan bildet. „Dort sind wir gestern langgefahren“, ruft Michel begeistert. „Und dort, der Hohe Berg, das ist der Pik Lenin! Das ist mit 7134m der vierthöchste Berg des Pamirs!“


Wir sind wirklich schwer beeindruckt von der Hochebene, in der wir uns jetzt befinden!

Es ging den ganzen Vormittag wieder leicht bergauf und schon bald stehen wir erneut auf über 4200 Höhenmetern auf dem nächsten Pass. Wir merken die Höhe fast überhaupt nicht mehr und sind dementsprechend auch zufrieden mit unserer gestrigen Entscheidung weiterzufahren. Wir haben unsere Körper richtig eingeschätzt. Gut zu wissen, dass wir dazu in der Lage sind!


Hinter dem Pass eröffnet sich uns der Ausblick auf den Karakul See. Der See liegt an dem gleichnamigen Dorf und dort kaufen wir ein paar Vorräte für das Abendessen ein. Dann geht es ein Stückchen entlang des azurblauen Sees und abermals sind wir fasziniert von der wunderschönen Aussicht. Hinter dem See geht es wieder langsam bergauf und wir wissen, dass ist die Auffahrt zum nächsten Pass – Dem Ak-Baital Pass auf über 4600m!

Der höchste Punkt unserer Fahrradreise!

Etwa 30km vor dem Pass bauen wir unser Zelt auf und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Die Sonne ist hier oben so intensiv, dass wir uns die Gesichter leicht verbrannt haben. Man kann die Kraft der Sonne richtig merken, obwohl es vergleichsmäßig echt kalt ist. Tagsüber geht das Thermometer knapp über 20°C, nachts auch schon mal unter 0°C.


Das ist auch der Grund warum wir im August, also im Hochsommer hier sein wollten. Außerhalb der Sommermonate liegt hier oben Schnee und es wird richtig kalt! Und da wir nicht die einzigen Radfahrer mit dieser Idee sind, treffen wir am nächsten Tag schon bald die ersten anderen Radreisenden. Und das sollte sich ab jetzt für den Großteil unserer Tour durch Tadschikistan auch so fortsetzen. Jeden Tag werden wir 2 bis 3 Radfahrer oder Gruppen treffen, die auf dem Weg nach Osch sind. Das ist eigentlich ziemlich nett, da man sich so sehr gut über die Routen und Straßenverhältnisse austauschen kann. Die meisten Leute fahren von Duschanbe nach Osch und da wir in die entgegengesetzte Richtung, von Osch nach Duschanbe fahren, treffen wir somit deutlich mehr Radfahrer.


Wieder fahren wir langsam bergauf. Insgesamt wird der Anstieg zum Pass etwa 5 Stunden dauern und auch diesmal fühlen wir gegen Ende wieder leichte Kopfschmerzen aufkommen. Noch 500m bis zum Pass! Stupide und außer Atem schieben wir unsere Räder bergauf. Ein Schritt nach dem anderen. Dann, etwa 30 Minuten später kommen wir oben an! Die Erschöpfung schlägt in Euphorie um! „Wir haben es geschafft!“

Und mit uns eine große Gruppe anderer Radfahrer, die gerade von der anderen Seite den Pass erklommen hat! Glücklich machen wir ein Foto auf dem höchsten Punkt unserer bisherigen Radreise – 4655m!


Da Michels Kopfschmerzen zunehmen, müssen wir die ausgelassen Stimmung leider voreilig verlassen und so schnell wie möglich bergab fahren. Etwa 15 Minuten später machen wir eine Pause. Unglaublich wie unser Körper funktioniert, denn Michel geht es viel besser und wir fühlen uns deutlich kräftiger. Was so ein paar hundert Höhenmeter ausmachen können!

Erschöpft fallen wir nach diesem Tag in unsere gemütlichen Schlafsäcke – Was für ein krasser Tag!

Die Stadt Murgab

Am nächsten Tag fahren wir bergab auf die Stadt Murgab zu, welche die größte Stadt im Osten von Tadschikistan ist. Auf dem Weg treffen wir noch ein paar weitere Radfahrer und nach ein paar Stunden durch die tollen Berglandschaften, taucht vor uns langsam die Stadt auf. Zuerst fahren wir zur Bank, um dort Geld zu wechseln. Da die erste Bank kein Geld mehr hat, probieren wir es bei der zweiten Bank der Stadt und sind glücklicherweise erfolgreich. Dann geht es zum Basar, der aus alten Schiffscontainern aufgebaut ist. Wir schlendern umher und kaufen Vorräte für etwa eine Woche ein. Unsere nächste Etappe wird uns in die weite Wildnis des Pamir Gebirges, abseits des Pamir Highways führen. Dafür müssen wir uns nun einen guten Vorrat an haltbaren Lebensmitteln anlegen. Wir kaufen 5kg Buchweizen, Haferflocken, Rosinen, Datteln, Helva, Karotten, Zwiebeln, Knoblauch und Erbsen in der Dose.


Danach geht es zur Polizeistation, wo Olga sich mit ihrem russischen Pass registrieren muss. Da dies innerhalb von drei Werktagen nach Einreise in das Land passieren muss, hatten wir zusätzlich zu unseren körperlichen Anstrengungen noch diesen bürokratischen Druck. Normalerweise hätten wir die Berge langsamer in Angriff genommen, aber naja, ist ja alles gut gegangen!

Schlussendlich brauchen wir für unsere nächste Etappe durch den Zorkul Nationalpark noch eine zusätzliche Sondergenehmigung. Diese bekommen wir, nachdem wir etwas rumgefragt haben, problemlos in einem kleinen Laden in einem Hinterhof. Dazu kaufen wir noch eine Simkarte (Die aufgrund fehlender Netzabdeckung erst wieder in etwa 10 Tagen funktionieren wird) und dann machen wir uns auf den Weg in Richtung Osten, zur chinesischen Grenze. Von dort wollen wir dann entlang der Grenze Richtung Süden zur afghanischen Grenze fahren. Wie es uns dort ergangen ist, wirst du bald im zweiten Teil unserer Pamir Reiseberichte nachlesen können!


Und jetzt einmal die Frage an euch! Wer war auch schon mit dem Rad auf dem Pamir Highway oder hat es vor? Wie hat es dir gefallen oder welche Fragen hast du noch für deine geplante Reise? Schreibe uns gerne einen Kommentar!


Dir gefallen unsere Inhalte?

Es gibt viele Wege wie du unsere Reise und unseren Blog unterstützen kannst!
Mehr Informationen: Unterstütze uns


Unsere Ausrüstung:


Neueste Blogartikel:


Teile diesen Beitrag:

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo ihr Zwei,

    vielen Dank für die tollen Fotos und den spannenden 1. Bericht zum Pamir Highway!

    Ich träume oft davon eines Tages (wenn unsere Kinder etwas älter sind) auch in dieser Region eine Radreise unternehmen zu können. Ich kann mich an Fotos aus dieser Gegend nicht satt sehen.

    Alles Gute weiterhin für Euch und bleibt wie ihr seid.

    Viele Grüße
    Tobias

  2. Danke für den Bericht. Wir sind 2012 in der Gegend unterwegs gewesen. Wir waren erst Ende Anfang Oktober dort und sind dann über Usbekistan und Osch nach China gefahren, für den Pamir waren wir zu spät im Jahr (Alle Nomaden fuhren bergab, nur wir immer weiter bergauf). Wir haben das Pamir Gebirge bei Sary Tasch zu Gesicht bekommen, bewundert und der feste Wunsch ist da, dies nachzuholen. Deshalb ist es so schön euren Bericht zu lesen und in die Bilder einzutauchen.

  3. Hey ihr zwei 🙂

    Schon seit dem Balkan verfolge ich eure Tour und bin immer wieder inspiriert und glücklich über und durch eure liebevollen und freiheraus geschriebenen Beiträge. Besonders jetzt im Abistress erinnert ihr mich regelmäßig, meine “naiven” Träumereien nicht meinen Vorstellungen von /normal/ zu opfern.
    Deswegen wollte ich hier mal Danke sagen. Man schließt euch auch aus der Ferne sofort ins Herz.

    Euch noch ganz viel Fröhlichkeit auf dieser Tour eures Lebens und alles Gute

  4. Moin,
    wie viel Zeit sollte man für die Strecke von Dushanbe nach Osch einplanen wenn man die Nordroute nehmen will, recht sportlich ist, sich aber nicht hetzen möchte?
    Vielen Dank und viele Grüße
    Nikolai

    • Hallo!
      Wir haben etwa 6 Wochen gebraucht. Haben allerdings nicht die direkte route genommen. Ich denke 3 Wochen sind auch machbar wenn man Gas gibt.

Schreibe einen Kommentar